Kunduz Zhyrgalbekov

Zwei Seiten einer Medaille oder: Nachdenken und Mitfühlen

Das Museum im alten NKWD-Untersuchungsgefängnis ist das einzige Museum in Russland, das sich genau dort befindet, wo früher ein Gefängnis des Volkskommissariats für innere Angelegenheiten (NKWD) war.
Von 1923 bis 1944 existierte an dem Ort, den man heutzutage als Museumsbesucher besichtigen kann, das Gefängnis der Tomsker Abteilung des NKWD.
Das Museum hat vier unterschiedliche Ausstellungsräume, die unter anderem Themen wie „Chronik der Repressionen in Tomsk", „Großer Terror" und „Tragische Schicksale" gewidmet sind. Außerdem kann man Vitrinen anschauen, wo Exponate über das Leben des Philosophen G. G. Spet, des Dichters N. A. Klujev und anderer, die damals verfolgt wurden, ausgestellt sind. Zum Museum gehört auch ein Raum, in dem Wechselausstellungen mit unterschiedlichen Schwerpunkten stattfinden und wo außerdem manchmal Vorträge gehalten und Dokumentarfilme vorgeführt werden.
Das Museum befindet sich im Keller eines 1897 errichteten Gebäudes in der heutigen Leninstraße 44 im Zentrum von Tomsk. Lange bevor der NKWD es als Untersuchungsgefängnis nutzte, beherbergte das Haus eine Kirchenschule. Hier wurden zukünftige Lehrer für kirchliche Schulen ausgebildet
Schon bevor das NKWD die Räumlichkeiten als Gefängnis nutzte, geschah an diesem Ort ein Mord: Zwei Schüler, die in diese Schule gingen, erwürgten eines Nachts ihren Schulleiter
Es gibt zwei unterschiedliche Versionen dieser Geschichte: Wie uns ein Mitarbeiter des Museums erzählte, lautet die erste - die offizielle sowjetische Version - dass die Schüler Geheimagenten waren, die den Befehl hatten, den Schulleiter zu töten. Weitere Informationen hierzu - also ob es sich zum Beispiel um Geheimagenten des Zaren oder der Kommunisten handelte und aus welchem Grund sie diesen Mord begangen haben sollen – konnte ich allerdings nicht finden. Die zweite, inoffizielle Version besagt, dass der Leiter ein Sadist war, der seine Schüler für jede Kleinigkeit bestrafte. Die Schüler konnten das nicht länger ertragen und brachten ihren Schulleiter um. Egal welche Version der Geschichte stimmt: Jedenfalls wurde die Schule nach diesem Mordfall geschlossen und das Gebäude stand von 1909 bis 1917 leer. Im Jahr 1917 wurde das Gebäude verstaatlicht und bald darauf zog hier die Tomsker Vertretung des Volkskommissariats für innere Angelegenheiten der UdSSR ein.
1996 wurde das Gebäude als Gedenkmuseum eröffnet. Zur ständigen Ausstellung gehören der Flur des Untersuchungsgefängnisses, Zellen der Untersuchungsgefangenen und das Arbeitszimmer des Untersuchungsführers.

Zwei Wände - zwei Blicke auf den Staat

Einer der Räume, in dem früher Untersuchungsgefangene festgehalten wurden, ist ganz besonders gestaltet. Dieser Ausstellungsraum heißt „Großer Terror". Wenn wir den Raum betreten, sehen wir zuerst eine große Backsteinwand. An dieser Wand hängen - in Kreuzform angeordnet - Fotografien derjenigen Bürger aus Tomsk, die damals verfolgt und erschossen wurden. Auf der gegenüberliegenden roten Wand finden sich unter anderem Fotos und Bilder im Stil des Sozialistischen Realismus. In der Mitte des Raums steht eine Vitrine, in der alte Fotos, Kleidung und andere persönliche Gegenstände liegen, die einen Einblick in das Privatleben der Menschen der frühen Sowjetzeit geben.
Besonders auffällig ist die rote Wand. Hier sieht man Bilder von Künstlern der Sowjetzeit, die die Ideologie des Staates unter Stalin illustrieren und idealisieren. So hängt an der roten Wand zum Beispiel ein Bild, das die Fünfjahrespläne der UdSSR glorifiziert. Hier sind Bauern und Arbeiter abgebildet, die mit ihren Beschäftigungen sehr zufrieden scheinen. Im Zentrum des Bildes ist Stalin als heroischer Führer dargestellt. Die rote Wand spiegelt den offiziellen Blick auf die sowjetische Staatsmacht wider.
Die Kehrseite der Medaille ist die große Backsteinwand, an der einige Fotos der Opfer des „Großen Terrors" bzw. der „Großen Säuberung" hängen. Während dieser politischen Kampagne verfolgte der sowjetische Staat mit Unterstützung des NKWD in den Jahren 1936 bis 1938 mutmaßliche Feinde des stalinistischen Systems. Menschen, die für den Staat angeblich „gefährlich" waren, sollten verschwinden. Während des Großen Terrors wurden ungefähr 1,5 Millionen Menschen verhaftet. Etwa die Hälfte von ihnen wurde umgebracht, die übrigen wurden in der Regel in Arbeitslager oder in Gefängnisse gebracht.
Warum weiß ich so viel mehr über Konzentrationslager in Europa und bin sogar schon einmal in Buchenwald gewesen?
Für mich persönlich war es neu zu erfahren, dass die Sowjetunion auch solche schrecklichen Seiten hatte. Meine Oma erzählt mir immer, dass die Sowjetzeit die beste Zeit ihres Lebens war, dass damals Frieden und Freiheit herrschten. Und auch im Geschichtsunterricht erzählte man mir, wie erfolgreich der Fünfjahresplan war…
Nun kenne ich diese zwei widersprüchlichen Darstellungen der Sowjetunion und ich bin dazu gezwungen, darüber nachzudenken, warum meine bisherige Vorstellung von der Sowjetzeit so weit entfernt von der Realität war. Und ich frage mich: Warum weiß ich so viel mehr über Konzentrationslager in Europa und bin sogar schon einmal in Buchenwald gewesen? Die Ausstellung „Großer Terror" ist für mich eine wichtige neue Entdeckung. Durch den Besuch des Museums erfuhr ich viel über die andere Seite der Geschichte. Ich wurde an bestimmte Momente der Sowjetzeit erinnert. Deshalb konnte ich mitfühlen und darüber nachdenken, wie schrecklich staatlicher Terror ist.
Fotos: Erinnerungsmuseum "Untersuchungsgefängnis NKWD"
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