anna bulsoewa

Historiker von Kindesbeinen an

Interview mit dem Leiter des NKWD-Museums Vasilij Khanevitsch
Ich treffe mich mit Vasilij Khanewitsch in dem früheren Untersuchungsgefängnis des NKWD, in dem heute ein Museum untergebracht ist. An den Wänden hängen Fotos und persönliche Sachen der Gefangenen, auf dem alten Tisch des Untersuchungsführers liegen Unterlagen. Jeder Gegenstand hier erinnert an die schrecklichen Zeiten des stalinistischen Terrors. Ein Teil der Ausstellung ist der sogenannten „Białystoker Tragödie" gewidmet – der schrecklichen Nacht vom 11. auf den 12. Februar 1938, als im Heimatdorf von Vasilij Khanewitsch alle Männer, die älter als 18 Jahre waren, gefangen genommen und erschossen wurden.
Vasilij, Ihre Urgroßeltern stammten aus Polen. Wie sind sie eigentlich nach Sibirien geraten?

Mein Urgroßvater Alexander Kasimirowitsch Iotsch stammte aus dem Hrodna Gouvernement und wurde 1898 nach Sibirien vertrieben. Hier siedelte er sich im Dorf Białystok an, einem kleinen Dorf, das seine Landsleute gegründet hatten. Die Urgroßeltern mütterlicherseits waren Auswanderer, die 1913 freiwillig aus der Biała Podlaska (Woiwodschaft Lublin) nach Sibirien übergesiedelt waren.
Wie verbrachten Sie Ihre Kindheit?

Ich war ein glückliches Kind. Das Leben in einem Dorf, die kleinen Freuden des dörflichen Lebens: Heuernte, Natur und Kinderspiele. Ich war ein Pionier und danach Komsomolze (Mitglied des Komsomol - der kommunistischen Jugendorganisation in der früheren UdSSR - A.B.). Pionier war ich eigentlich deshalb, weil ich durch meine Leistungen auffiel: Ich war gut in der Schule und Vorsitzender des Freundschaftsrates (Die Pionierorganisation war als politische Kinderorganisation und Teil des einheitlichen sozialistischen Schulsystems in der UdSSR fest in die Schulen integriert. Sie bildete die Vorstufe zur Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei. – A.B.).

Im Jahre 1972 siedelte ich in das Rayonszentrum (in Deutschland vergleichbar mit einer Kreisstadt – A.B.) über, um dort im Internat zu wohnen und zur Schule zu gehen. Nach zwei Jahren bewarb ich mich um einen Studienplatz an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften der Staatlichen Universität Tomsk. Ich bin allerdings durch die Aufnahmeprüfung gefallen, obwohl ich in der Schule gute Noten hatte. Mir blieb nichts anderes übrig als in mein Heimatdorf zurückzukehren. Ich arbeitete in der Kolchose als Traktorist und als Heizer in meiner Dorfschule.
Ein Jahr später habe ich es noch einmal versucht und konnte mein Studium beginnen. Fünf Jahre lang habe ich Volkswirtschaftslehre studiert. Danach habe ich zwanzig Jahre lang Volkswirtschaftslehre, Geschichte und Philosophie an den Hochschulen der Stadt Tomsk unterrichtet.
Khanewitsch Iwan Michailowitsch mit seiner Frau und Sohn Stanislaw (Das Foto aus dem eigenen Archieve von Vasilij Khanewitsch)
Sie haben die Fakultät für Wirtschaftswissenschaften der Tomsker Staatlichen Universität abgeschlossen. Wann fingen Sie an, sich mit Geschichte zu beschäftigen?

Ich begann mich für Geschichte zu interessieren, als ich mich im Jahr 1979 der Gesellschaft „Memorial" anschloss. Ich suchte ein Foto von meinem Großvater in den Untersuchungsakten. Er ist im Jahr 1938 erschossen worden. Damals hatten wir zu Hause ein Foto von meinem Großvater mütterlicherseits, der auch verfolgt wurde. Ich hatte übrigens meinen Vornamen Vasilij zu Ehren meines Großvaters bekommen. Leider blieb uns nichts von ihm erhalten. Ich habe gehofft, Fotos von ihm in den Untersuchungsakten zu finden. Ich habe meinen Willen durchgesetzt, um diese Untersuchungsakte lesen zu können, was damals ja sehr mühevoll war.
Meine Großmütter hatten erzählt, wie auf einmal in der Nacht in unserem Dorf (Białystok - A.B.) 88 Menschen gefangen genommen wurden. Von ihnen ist nichts mehr bekannt. Schon in den 60er Jahren, zu Chruschtschows Zeiten, bekamen nur einige, die besonders beharrlich waren, Erkundigungen über Rehabilitation. In diesen Erkundungen stand, dass diese Leute rehabilitiert worden waren, aber es gab keine ausführlichen Informationen darüber, was eigentlich der Grund für die Verhaftung und Verurteilung war.
Als Kind oder Jugendlicher interessierten Sie sich kaum für Geschichte?

Schon als Kind wollte ich immer Historiker oder Archäologe werden. Aus einem ganz einfachen Grund ist daraus aber nichts geworden: Ich musste die Aufnahmeprüfung in einer Fremdsprache ablegen. Ich bin aber nur auf eine Dorfschule gegangen, wo Fremdsprachen nicht auf hohem Niveau unterrichtet worden. Polnisch galt leider nicht als Fremdsprache für die Prüfung.
In der Kindheit hatte ich von älteren Frauen über die tragische Geschichte des Dorfes gehört, obwohl ja viel verschwiegen wurde. Die Frauen sprachen aber untereinander darüber. Ich hörte Sätze wie: „Der wurde vom NKWD verhaftet". Ich hatte also einiges gehört und mitbekommen, hatte aber die Repressionen in meinem Dorf, in meiner Familie kaum in Verbindung mit der Geschichte meines Landes gesetzt.

Die Geschichte des Landes setzt sich wie ein Puzzle aus einzelnen persönlichen Geschichten und Schicksalen des Wohnorts, der Straße, der Familie zusammen.

Vasilij
Khanevitsch
In einem Interview haben Sie gesagt: „Alles, was mit der Geschichte der eigenen Wurzeln verbunden ist, muss aus der Seele kommen, aus dem tiefen Bedürfnis meine Vorfahren, meine Kultur kennen zu lernen."

Ich stimme völlig zu. Ich bin von meiner Ausbildung her kein Geschichtswissenschaftler, ich wurde aber zu einem Historiker, als ich begann, meine eigene Familiengeschichte zu erforschen. Ich bin davon überzeugt, dass man nur dann zu einem richtigen Geschichtswissenschaftler wird, wenn man den eigenen Stammbaum, die Geschichte seiner eigenen Heimat gut kennt. Nur dann setzt sich die Geschichte des Landes wie ein Puzzle aus einzelnen persönlichen Geschichten und Schicksalen des Wohnorts, der Straße, der Familie zusammen.
Als Historiker finde ich es wichtig über Menschen zu schreiben und zu sprechen. Darum findet man viele Biographien in meinen Büchern. Zum Beispiel ist mein Buch „Der katholische Friedhof der Stadt Tomsk (1841-1919)" das erste Buch, über katholische Begräbnisse in Tomsk. Das sind über 5000 Menschen! Den Friedhof gibt es schon lange nicht mehr, er wurde Anfang der 1950er Jahren zerstört. Die Quellen für das Buch waren Geburtsurkunden. Wer hat also alle diese Informationen aufgeschrieben? Priester! Diese Geburtsurkunden sind im staatlichen Archiv aufbewahrt. Das ist eine wichtige Quelle zum Beispiel für die Genealogie. Viele Daten aus den Geburtsurkunden wurden mit Todesanzeigen aus Zeitungen ergänzt. Ich bin stolz darauf, dass ich diese Idee hatte und wir sie verwirklicht haben!
1974, 10.Klasse
Ich erforsche gerne Geschichten von Menschen. Die sind manchmal echt verwirrend! Kein Schriftsteller oder Publizist könnte sich die ausdenken! Auch die Geschichte dieses Gebäudes (Memorialmuseum „Untersuchungsgefängnis des NKWD". - A.B.) ist wirklich drehbuchreif. Hier gab es wirklich schon alles! Hier haben so viele Leute gewohnt und im Gefängnis gesessen. In jedem menschlichen Leben gibt es so viele Erlebnisse und Ereignisse. Und das macht gerade die Geschichte eines Landes aus.

Vasilij Khanewitsch ist der Leiter des Tomsker Memorialmuseums „Untersuchungsgefängnis des NKWD". In seiner Forschung beschäftigt er sich mit der politischen Repression in der UdSSR, mit der Geschichte der katholischen Kirche in Tomsk sowie der polnischen Diaspora im Tomsker Gebiet. Er hat unter anderem folgende Bücher verfasst: „Polen in Tomsk (XIX–XX Jh.): Biographien", „Der katholische Friedhof der Stadt Tomsk (1841-1919)" und „Die Białystoker Tragödie". Geboren wurde Vasilij am 1. November 1956 im Dorf Białystok im Tomsker Gebiet, das im Jahr 1898 von polnischen Siedlern gegründet worden war. Er ist verheiratet und hat zwei Töchter.
Fotos von Vasilij Khanewitsch
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